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Sprachbildung im Wirtschaftsunterricht

Stephan Friebel-Piechotta, Anna-Lena Müller und Janike Romppanen

(Fach-)Sprache im Wirtschaftsunterricht

Die Förderung sprachlicher Fähigkeiten von Schüler:innen ist Aufgabe aller Fächer und damit auch der Ankerfächer der ökonomischen Bildung, wie z. B. Wirtschaft oder Arbeitslehre. Der Unterricht in diesen Fächern soll nicht nur dazu beitragen, die allgemeinen sprachlichen Kompetenzen in der Unterrichtssprache Deutsch von Schüler:innen mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf zu fördern (Sprachförderung) (Drumm, 2016), sondern auch auf die Entwicklung bildungs- und fachsprachlicher Kenntnisse und Fähigkeiten aller Schüler:innen abzielen (Sprachbildung). Diese fachbezogene Sprachbildung steht folgend im Fokus.

Die Notwendigkeit der Sprachbildung leitet sich erstens aus dem Umstand ab, dass der Fachunterricht nicht nur allgemeine, sondern auch fachspezifische Sprachanforderungen an die Lernenden stellt (Höttecke et al., 2017). So wird im Unterricht neben Alltags- und Bildungssprache auch Fachsprache genutzt. Die Schüler:innen müssen, um rezeptiv (Zuhören und Lesen) und produktiv (Schreiben und Sprechen) am Unterricht partizipieren zu können, mit diesen situationsbezogenen Sprachstilen (sprachlichen Register) umgehen können. Zweitens besteht die Anforderung, rezeptiv und produktiv mit ökonomischer Fachsprache umzugehen, auch in zukünftigen ökonomisch geprägten Lebenssituationen (Prinzipien zur Inhaltsauswahl). So setzen beispielsweise mündige und informierte Finanzentscheidungen (Finanzielle Bildung) u. a. das Verstehen fachsprachlich geprägter Finanzinformationsmaterialien voraus (Betker et al., 2024).

Fachsprache ist, wie auch Bildungssprache, durch konzeptionelle Schriftlichkeit geprägt und unterscheidet sich von der durch konzeptionelle Mündlichkeit geprägten Alltagssprache (Wey, 2022). Fach- und Bildungssprache weisen z. B. eine höhere Informationsdichte auf, sind komplexer, kompakter und unpersönlicher als Alltagssprache. Fachsprache meint dabei das sprachliche System von Expert:innen einer bestimmten fachlichen Disziplin (vgl. Wichter, 1994). Fachsprache weist sowohl auf lexikalischer, als auch syntaktischer und textueller Ebene Eigenschaften auf, die typisch für den jeweiligen Fachunterricht sind (Härtig et al., 2015). Zum Beispiel unterscheidet sich der Begriff „Kondition“ in Sport- oder Wirtschaftskontexten auf inhaltlicher Ebene. Auch der Begriff „Markt“ unterscheidet sich in seiner Bedeutung davon, ob sich die Schüler:innen in Alltagssprache über den wöchentlichen Einkauf oder in ökonomischer Fachsprache über ein Konzept unterhalten. Ebensolche fachspezifischen und im Fachunterricht als neu konnotiert auftauchenden Wörter können die Unterrichtssprache fremd und zu einer Herausforderung für Lernende machen (Drumm, 2016).  

Zudem wird Fachsprache durch die Nutzung bestimmter fachtypischer Textsorten, wie das Versuchsprotokoll in Physik oder ein Bewerbungsschreiben in Deutsch oder Wirtschaft, fachspezifisch. Des Weiteren werden über fachspezifische stilistische und syntaktische Mittel, wie Metaphern im Wirtschaftsunterricht (Kegel, 2018; Lutter, 2016) oder die Einbindung von bestimmten syntaktischen Strukturen, wie beispielsweise Konditionalsätzen („wenn…, dann…“-Aussagen), fachspezifische Denkstrukturen im Unterricht verankert. Hier wird deutlich, dass eine Kompetenzentwicklung im Fachunterricht ohne Fachsprache nur begrenzt möglich ist, da komplexes Denken und damit das Lernen abstrakter (ökonomischer) Sachverhalte auch eine angemessene (ökonomische) Sprache erfordert (Prediger, 2020). Aufgrund der Fachspezifität von Fachsprache ist fachbezogene Sprachbildung „[…] nicht der Transport von Inhalten der Deutschdidaktik“ (Münch-Manková, 2024, S. 387), sondern vom Fach aus zu denken, d. h., dass die Sprachlichkeit der Fachdisziplin(en) impulsgebend für die sprachbildenden Herangehensweisen im Unterricht sein muss. 

Sprachbildung im Wirtschaftsunterricht

Fachbezogene Sprachbildung zielt darauf ab, die fachsprachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Schüler:innen zu fördern und erfolgt verknüpft mit dem fachlich-inhaltlichem Lernen, wodurch auch diese Kompetenzen gefördert werden (Höfler et al., 2023).

Die grundlegende Idee fachbezogener Sprachbildung ist es, den Lernenden Hilfestellungen zu geben, die es ihnen ermöglichen, fachsprachliche Anforderungen zu bewältigen, die leicht über dem Niveau ihrer aktuellen Kenntnisse und Fähigkeiten, aber innerhalb der Zone der proximalen Entwicklung (Kniffka, 2010) liegen. Metaphorisch wird mit Blick auf dieses Vorgehen oftmals von Scaffolding (englisch für „Baugerüst“) gesprochen. Scaffolding als Gestaltungsprinzip eines sprachbildenden Fachunterrichts umfasst mehrere Bausteine, wobei in Hinblick auf die Unterrichtsplanung die drei Bausteine des Makro-Scaffoldings (Gibbons, 2015) relevant sind:

Im Rahmen der Bedarfsanalyse erfolgt zunächst die Ermittlung der sprachlichen Anforderungen des (Wirtschafts-)Unterrichts. Hierbei wird beispielsweise ermittelt, welche Texte gelesen und geschrieben werden müssen und welche (fach-)sprachlichen Herausforderungen (z. B. Fachbegriffe, Metaphern) hierbei bestehen. Diese Analysen müssen nicht unbedingt „händisch“ durch die Lehrkraft erfolgen, vielmehr stehen hierfür digitale Tools zur Verfügung (wortliga.de/textanalyse/

Die Lernstandserfassung (Lernvoraussetzungen) zielt darauf ab, den (fachbezogenen) Sprachstand der Lerngruppe zu erheben und diesen mit den (fach-)sprachlichen Anforderungen des (Wirtschafts-)Unterrichts zu vergleichen. Hierbei sollte die Wirtschaftslehrkraft auch Rücksprache mit anderen in der Klasse unterrichtenden Lehrkräften halten.

Ausgehend von diesen Analysen erfolgt die Unterrichtsplanung (Unterrichtsplanung), die verschiedenen Prinzipien folgen sollte (Gibbons, 2015). Hierzu zählen u. a. die Auswahl verschiedener Darstellungsformen oder die Festlegung von Arbeitsformen, die eine aktive Nutzung von Fachsprache durch die Schüler:innen einfordern. In Hinblick auf die Unterrichtsplanung können in Anlehnung an Leisen (2022) verschiedene Vorgehensweisen zum Umgang mit einer Lücke zwischen den fachsprachlichen Anforderungen des (Wirtschafts-)Unterrichts und den fachsprachlichen Kompetenzen der Lernenden unterschieden werden. So können die (fach-)sprachlichen Anforderungen gesenkt werden, indem beispielsweise Texte vereinfacht werden oder in der (mündlichen) Unterrichtskommunikation auf die Verwendung von Fach- und ggf. Bildungssprache verzichtet wird. Dieser defensive Weg sollte allerdings nur einen möglichen ersten Schritt darstellen. Vielmehr sollten im Sinne des Scaffoldings die Lernenden durch den Einsatz sprachbildender Strategien bzw. Methoden dabei unterstützt werden, die fachsprachlichen Anforderungen zu bewältigen (offensiver Weg). Dementsprechend ist eine zentrale Aufgabe der Lehrkraft die Entwicklung entsprechender sprachbildender Unterrichtsmaterialien, die diese Methoden mit umfassen. Entsprechende Unterrichtsmaterialien für den Wirtschaftsunterricht liegen bis dato zwar nur vereinzelt vor (vgl. Betker et al. 2024), aber Sammlungen aus anderen Fächern bieten ein umfangreiches Repertoire an Methoden und Strategien, die für den sprachbildenden Wirtschaftsunterricht adaptiert werden können (siehe Abschnitt zum Weiterlesen). 

Literatur

Betker, K., Friebel-Piechotta, S., & Müller, A.-L. (2024). Sprachsensibler Fachunterricht am Beispiel der finanziellen Allgemeinbildung. Theoretisch-konzeptionelle Überlegungen und unterrichtspraktische Umsetzung. In I. Penning, M. Binder & M. Friese (Hrsg.), Teilhabe an gesellschaftlicher Transformation stärken. Der Beitrag der Arbeitsbezogenen und der Technischen Bildung (S. 221–238). wbv.

Drumm, S. (2016). Sprachbildung im Biologieunterricht. De Gruyter Mouton.

Gibbons, P. (2015). Scaffolding language scaffolding learning – Teaching English Learners in the Mainstream Classroom. Heinemann.

Härtig, H., Bernholt, S., Prechtl, H., & Retelsdorf, J. (2015). Unterrichtssprache im Fachunterricht. Stand der Forschung und Forschungsperspektiven am Beispiel des Textverständnisses. Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, 21, 55–67.

Höfler, M., Woerfel, T., Vasylyeva, T., & Twente, L. (2023). Wirkung sprachsensibler Unterrichtsansätze. Ergebnisse eines systematischen Reviews. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 27, 449–495.

Höttecke, D., Ehmke, T., Krieger, C., & Kulik, M. A. (2017). Vergleichende Messung fachsprachlicher Fähigkeiten in den Domänen. Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, 23(1), 53–69. 

Kegel, A. S. (2018). Politics as Shaping: An Approximation to Students’ Metaphorical Understanding. Journal of Social Science Education, 17(4), 26–39.

Kniffka, G. (2010). Scaffolding. ProDaZ, 1-5. Verfügbar unter: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/scaffolding.pdf

Leisen, J. (2022). Sprachbildung und sprachsensibler Fachunterricht in den Naturwissenschaften. Kohlhammer.

Lutter, A. (2016). Metaphern und Analogien der Wirtschaft. Konzeptuelle Wirtschaftsmetaphorik und ihre Bedeutung für ökonomisches Lernen. Zeitschrift für ökonomische Bildung, 5, 150–168.

Münch-Mankova, Z. (2024). Sprachbildung und -förderung im Fach als Querschnittsthema in der Hochschullehre. die hochschullehre, 10, 378–391.

Prediger, S. (2020). Sprachbildender Mathematikunterricht. Sekundarstufe I + II. Berlin: Cornelsen Verlag GmbH.

Wey, S. (2022). Wie Sprache dem Verstehen hilft: Ergebnisse einer Interventionsstudie zum sprachsensiblen Geographieunterricht. Springer VS. 

Wichter, S. (1994). Experten und Laienwortschätze. Niemeyer. 

zuletzt aktualisiert: 19.11.2025

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Zitationshinweis

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Friebel-Piechotta, S., Müller, A.-L., & Romppanen, J. (2025). Sprachbildung im Wirtschaftsunterricht. In T. Brahm, M. Ring, & K. Schild (Hrsg.), Wirtschaft unterrichten. Offenes Lehrbuch für Wirtschaftsdidaktik. Online verfügbar unter: https://wirtschaft-unterrichten.de/makrodidaktik/sprachbildung-im-wirtschaftsunterricht  (zuletzt abgerufen am [Datum]).