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Scrum im Wirtschaftsunterricht

Ferdinand Schönherr

Handlungsorientierte und projektförmige Lernarrangements spielen in der Methodik des Wirtschaftsunterrichts eine wichtige Rolle (Kaiser & Kaminski, 2012). Sie stellen Lernende bewusst vor organisatorische Herausforderungen, um ihre Kompetenzentwicklung zu fördern: In Projekten ergeben sich Arbeitsteilung, Priorisierung, Überblick und Verantwortung für die Zielerreichung nicht von selbst. Scrum wurde entwickelt, um solche Herausforderungen in der beruflichen Praxis zu bearbeiten (Schwaber, 1997; Schwaber & Sutherland, 2020). Das Framework strukturiert Prozesse iterativ und sorgt für hohe Transparenz (Schwaber, 1997; Schwaber & Sutherland, 2020). Tabelle 1 fasst die zentralen Elemente des Frameworks zusammen.

Tabelle 1: Zentrale Elemente des Scrum-Frameworks

ElementFunktion im Scrum-Prozess

Product Backlog

Geordnete Liste der anstehenden Aufgaben und Anforderungen
 
Sprint PlanningZu Beginn eines Sprints wird festgelegt, welches Ziel verfolgt und welche Arbeit dafür in den Sprint aufgenommen wird.
 
SprintZeitlich begrenzte Arbeitsphase, in der das Team auf ein vereinbartes Sprint-Ziel hinarbeitet
 
Daily ScrumKurze, regelmäßige Abstimmung, in der das Team den Fortschritt in Richtung eines Sprint-Ziels überprüft.
 
Sprint ReviewDie erzielten Ergebnisse werden gemeinsam überprüft. Auf Grundlage der Ergebnisse und neuer Informationen kann das weitere Vorgehen angepasst werden.
 
Sprint RetrospektiveDas Team reflektiert seine Zusammenarbeit und den Arbeitsprozess und leitet Verbesserungen für den folgenden Sprint ab.
 

Quelle: eigene Darstellung nach Schwaber und Sutherland (2020, S. 7-10)

Scrum bietet damit zunächst eine interessante Struktur für offene Unterrichtsprojekte. Befunde von Vogelzang et al. (2021) aus dem Chemieunterricht weisen darauf hin, dass Scrum Lernende bei der Planung und Überwachung komplexer Lernprozesse unterstützen kann. 

Potenziale für den Wirtschaftsunterricht

Der Einsatz von Scrum bietet auf mindestens drei Ebenen Potenziale für den Wirtschaftsunterricht:

Abbildung 1: Drei Ebenen des Lernens mit Scrum

Quelle: eigene Darstellung

Lernen mit Scrum:

Scrum strukturiert komplexe Arbeitsprozesse durch feste, wiederkehrende Elemente. 

  • Sprints gliedern den Arbeitsprozess zeitlich, während das Backlog Aufgaben und Prioritäten transparent macht (Schwaber & Sutherland, 2020). 
  • Ein ergänzendes Scrum-Board veranschaulicht Aufgaben und Bearbeitungsstände.
  • Reviews und Retrospektiven schaffen zugleich feste Zeitpunkte, an denen Zwischenergebnisse beziehungsweise der Arbeitsprozess überprüft und bei Bedarf angepasst werden können (Schwaber & Sutherland, 2020).

Der didaktische Nutzen besteht für Lernende somit darin, dass sie eine klare Prozessstruktur für offene Aufgaben erhalten. 

Lernen über Scrum:

Die Berufs- und Arbeitswelt bildet einen wichtigen Gegenstandsbereich ökonomischer Bildung (Retzmann, 2012). Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Arbeit in Unternehmen organisiert und koordiniert wird (Retzmann et al., 2010). Scrum ist somit als Beispiel agiler Arbeitsorganisation selbst Lerngegenstand. Daran lassen sich zentrale Fragen der Arbeitsorganisation untersuchen: Wie werden Aufgaben und Verantwortlichkeiten in Scrum-Teams verteilt? Wie werden Prioritäten gesetzt? Wie wird mit begrenzter Planbarkeit umgegangen? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus unter Effizienz- und Koordinationsgesichtspunkten? Wenn Lernende Scrum in der Schule nicht nur anwenden, sondern die zugrunde liegenden Organisationsprinzipien untersuchen und reflektieren, wird agile Arbeitsorganisation selbst zum Lerngegenstand.

Lernen durch Scrum: 

Beim Lernen durch Scrum rücken die Entscheidungen in den Mittelpunkt, die Lernende während des Arbeitsprozesses treffen. Ökonomische Kompetenz umfasst nicht nur fachliches Wissen, sondern auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen (Eberle, 2025; Jersak & Weyland, 2026). Werden Scrum-Projekte als ökonomische Entscheidungssituationen angelegt, können Lernende beispielsweise unter Bedingungen knapper Ressourcen zwischen Handlungsalternativen wählen, Prioritäten setzen und ihre Entscheidungen begründen. Die iterative Struktur von Scrum bietet wiederkehrende Anlässe, getroffene Entscheidungen und Prioritäten zu überprüfen und auf Grundlage neuer Informationen oder Rückmeldungen anzupassen (Schwaber & Sutherland, 2020). Für ökonomisches Lernen müssen diese Entscheidungen jedoch gezielt zum Gegenstand fachlicher Reflexion gemacht werden. 

Zusammengefasst verdeutlichen die drei Ebenen unterschiedliche mögliche Mehrwerte für den Wirtschaftsunterricht. Während das Lernen mit Scrum vor allem einen methodischen Nutzen bietet, wird beim Lernen über Scrum die agile Arbeitsorganisation selbst zum Lerngegenstand. Beim Lernen durch Scrum können Lernende ihre Entscheidungen anhand ökonomischer Kriterien wie Knappheit, Ressourceneinsatz, Handlungsalternativen und unterschiedlicher Interessen reflektieren und begründen, was die ökonomische Entscheidungskompetenz fördern kann. 

Gelingensbedingungen und Umsetzung

Ob diese Potenziale tatsächlich ausgeschöpft werden, hängt wesentlich von der didaktischen Gestaltung des Scrum-Prozesses ab. Der Lehrkraft kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Sie gestaltet den fachlich-organisatorischen Rahmen, begleitet die selbstorganisierten Arbeitsprozesse und sorgt insbesondere dafür, dass die im Scrum-Prozess entstehenden Entscheidungen fachlich reflektiert werden.

Für den schulischen Einsatz erscheint eine unveränderte Übertragung des Scrum-Frameworks auf den Unterricht nicht erforderlich. Gleichzeitig sollten die zentrale Funktionsprinzipien von Scrum erhalten bleiben.

Die Adaption von Scrum sollte vielmehr den didaktischen Zielen dienen, die Selbstorganisation der Lernenden unterstützen und unnötige methodische Komplexität vermeiden. Daraus lässt sich ein an Scrum orientiertes Unterrichtsmodell ableiten: Ziele und anstehende Aufgaben werden transparent gemacht, Aufgaben geordnet und in zeitlich begrenzten Sprints bearbeitet. Ergebnisse und Arbeitsprozesse werden regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst (Schwaber & Sutherland, 2020). Innerhalb dieses Rahmens organisieren die Lernenden ihren Arbeitsprozess möglichst selbstständig.

Mögliches Unterrichtsbeispiel: Mit Scrum die eigene Schule verbessern.

In einem möglichen Unterrichtsprojekt entwickeln Lernende Lösungen für konkrete selbst gewählte Probleme an ihrer Schule. Zu Beginn klären sie die Problemstellung und verbindliche Rahmenbedingungen. Anschließend sammeln und ordnen die Teams die erforderlichen Aufgaben in einem Backlog und legen im Sprint Planning fest, welche Aufgaben sie zunächst bearbeiten. Während des Sprints organisieren sie Aufgabenverteilung und Vorgehen möglichst selbstständig. Im Review präsentieren sie Zwischenergebnisse (z.B. innerhalb ihrer Klasse oder in schulischen Gremien), erhalten Rückmeldungen und prüfen, ob Lösungen oder Prioritäten angepasst werden müssen. Die Retrospektive richtet den Blick auf Zusammenarbeit und Arbeitsprozess. Lernen mit Scrum zeigt sich dabei in der Strukturierung und Selbstorganisation des Arbeitsprozesses. Lernen über Scrum entsteht, wenn die eigene Arbeitsorganisation als Beispiel agiler Arbeit im Unterricht untersucht und reflektiert wird. Lernen durch Scrum wird möglich, wenn Entscheidungen über knappe Ressourcen, Handlungsalternativen und unterschiedliche Interessen fachlich ausgewertet werden.

Auch im Rahmen von Schülerfirmen oder in der beruflichen Orientierung ist es denkbar, Scrum einzusetzen.

Zum Weiterlesen

Eberle, M. (2025). Eine empirische Studie zum Zusammenhang von ökonomischer Kompetenz und Finanzverhalten unter Berücksichtigung individueller Präferenzen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 28, 75-104. https://doi.org/10.1007/s11618-024-01274-z 

Jersak, S., & Weyland, M. (2026). Wirtschaftsunterricht als Entscheidungslehre – Das Ludwigsburger Entscheidungsmodell (LUE). In D. Loerwald & N. Goldschmidt (Eds.), Ökonomische Bildung und Transformation: Jahresband der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung 2025 (pp. 207-220). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-50476-2_16 

Kaiser, F.-J., & Kaminski, H. (2012). Methodik des Ökonomieunterrichts: Grundlagen eines handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen (4., vollständig überarbeitete Auflage ed.). Klinkhardt / UTB. https://doi.org/10.36198/9783838534756 

Retzmann, T. (2012). Einführung in die Thematik: Entrepreneurship-Education und Arbeitnehmerorientierung in der ökonomischen Bildung. In T. Retzmann (Ed.), Entrepreneurship und Arbeitnehmerorientierung: Leitbilder und Konzepte für die ökonomische Bildung in der Schule (pp. 7-10). Wochenschau Verlag. 

Retzmann, T., Seeber, G., Remmele, B., & Jongebloed, H.-C. (2010). Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen: Bildungsstandards. Standards für die Lehrerbildung. https://www.wida.wiwi.uni-due.de/fileadmin/fileupload/BWL-WIDA/Publikationen/Retzmann_ua2010_Gutachten.pdf

Schwaber, K. (1997). SCRUM Development Process. In J. Sutherland, C. Casanave, J. Miller, P. Patel, & G. Hollowell (Eds.), Business Object Design and Implementation (pp. 117-134). Springer. https://doi.org/10.1007/978-1-4471-0947-1_11 

Schwaber, K., & Sutherland, J. (2020). The Scrum Guide: The Definitive Guide to Scrum: The Rules of the Game. https://scrumguides.org/docs/scrumguide/v2020/2020-Scrum-Guide-US.pdf

Vogelzang, J., Admiraal, W. F., & van Driel, J. H. (2021). Scrum methodology in context-based secondary chemistry classes: effects on students' achievement and on students' perceptions of affective and metacognitive dimensions of their learning. Instructional Science, 49, 719-746. https://doi.org/10.1007/s11251-021-09554-5